Kurzstatement zur Geschichte der Wiener Tschechen und Slowaken im 20. Jahrhundert

Verdichtet man die Geschichte der Wiener Tschechen und Slowaken, so dominieren drei Themen: die Schule, die Volkszählungen und die politische Entwicklung in der „alten Heimat“, die sich auf die Volksgruppe vielfältig ausgewirkt hat und auswirkt. Die Schule als politische Forderung und Überlebensnerv der Minderheit; die Volkszählungen als Instrument der Mehrheit, um Zugeständnisse gering zu halten. Die dritte Komponente bedeutet materielle und ideelle Unterstützung aus deraltenHeimat“, aber auch Belastung bei politischen Systemwechsel.

Die Schule war ein permanentes Streitobjekt in der Zeit der Monarchie. In den 1920ger Jahren gab es ein Verbot des Deutsch-Unterrichtes an tschechischen öffentlichen Volksschulen und auch weitere Schikanen, wie zum Beispiel Unterricht nur nachmittags. Gleichzeitig gab es großzügige Finanzierung der Tschechoslowakei für Bauten tschechischer Privatschulen in Wien – wobei aus Sicht der Förderer das bremsende Argument der Reziprozität bezogen auf die Sudetendeutschen niemals aus den Augen gelassen wurde.

Die Volkszählungen wurden durch Durchführung und Fragestellung über viele Jahrzehnte als Lenkungsinstrument mit vielen kreativen Einfällen zu Ungunsten der Minderheiten/Volksgruppen missbraucht. Die mangelhafte, nur teilweise Auswertung der Sprachkombinationen führte 1951 zur eklatanten Abnahme der Tschechen und Slowaken in Wien auf zehn Prozent der vormals von den Nationalsozialisten 1939 erhobenen (Muttersprache) über 56.000 Personen. Eine Folge war, dass im Artikel 7 des Österreichischen Staatsvertrages ausschließlich der slowenischen und der kroatischen Volksgruppe umfangreiche Rechte zugesprochen wurden.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges verbesserte sich die Situation der Wiener Tschechen nur in einigen Bereichen. So konnten die meisten Vereine zwar ihre Tätigkeit wieder aufnehmen, jedoch hat die Unterdrückung und Verfolgung durch die Nationalsozialisten Spuren hinterlassen.

Der vom tschechoslowakischen Staat initiierten und vomTschechoslowakische Zentralausschuss in Wien (Ceskoslovensky ustredni vybor ve Vidni) - der damaligen Dachorganisation - angebotenen Remigration folgten Angehörige der Volksgruppe. Etwa 10 000 Menschen verließen Österreich, darunter auch viele Funktionäre von Vereinen und aktive Mitglieder der Volksgruppe; ein nachhaltiger Verlust an politischer Kompetenz und Erfahrung in konfliktbeladenen Zeiten.

Die Auseinandersetzung mit dem sich in der Tschechoslowakei an die Macht geputschten Kommunisten beschäftigte in Wien zunächst hauptsächlich die Funktionärseliten, die dadurch die Tagespolitik schwer vernachlässigten. So blieb das absurde Ergebnis der Volkszählung des Jahres 1951 in Österreich unwidersprochen. Die Volksgruppen konnten aus vorgegebenen Sprachkombinationen wählen. Bei den Tschechenwurde die der Alltagsrealität am nächsten kommende Kombination deutsch-tschechisch schlichtweg nicht für die Volksgruppe ausgewertet.Einen Rückgang der Anzahl der Wiener Tschechen und Slowaken von90% gegenüber der Zählung von 1939 nicht zu hinterfragen, war ein klares politisches Versagen der zerstrittenen Funktionäre.

Vier Jahre später wurde der Österreichische Staatsvertrag unterzeichnet.Im Artikel 7 verpflichtete sich die Republik Österreich für die slowenische und kroatische Volksgruppe ein besonderes System der Minderheitenschutzregelungen einzuführen. Aufgrund der geringen Zahl der bei der Volkszählung ausgewerteter Tschechen und Slowaken wurden diese von der österreichischen Politik unbeachtet gelassen unddamit nicht berücksichtigt. Es entstand ein erheblicher nachhaltiger Schaden für die Entwicklung des Schulwesens, der Vereinskultur und damit des tschechischen und slowakischen gesellschaftlichen Lebens in Wien.

Es waren unter anderem die traditionellen tschechischen Vereine und Organisationen wie der Schulverein „Komenský“, die Wohlfahrtsorganisation „Tschechisches Herz“ und der Turnverein Sokol, die den Fortbestand der Minderheit zu sichern halfen.

Aus dieser dramatischen Zeit hinterließ der Hobbyfilmer František Bouchal etwa zwei Stunden schwarz-weißes Filmmaterial, welches die Tätigkeit der wichtigsten Vereine dokumentiert und die Basis für die vorliegende Dokumentation von Dalibor Hýsek, ORF-Mitarbeiter und Redakteur des Minderheitenmagazin „Heimat, Fremde, Heimat“ bildet.

Slowakisch
20. Jahrhundert

Quelle:

ORF – Minderheitenmagazin „Heimat, Fremde, Heimat“

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